Ein alter Freund hatte letztes Jahr seinem Leben ein Ende gesetzt. Ich hatte ihn fast 20 Jahre nicht gesehen, als mich eine gemeinsame Freundin anrief. Sie befragte mich über ihn, ob ich einen Suizid in seinem Falle für möglich halten würde. Denn er war nicht mehr zu erreichen und niemand in seinem Umfeld wusste etwas Konkretes. Ich erinnerte mich daran, das er mit 9 Jahren seinen ersten Suizid Versuch hatte. Es blieb auch nicht bei dem einen. Mit Ende Fünfzig war es dann soweit. Über die Einzelheiten der Tat erfuhr ich nichts, denn es passierte wohl im Verborgenen. Die Betroffenheit der gemeinsamen Freundin rührte mich. Mich hatte das nicht so sehr überrascht. Eher war es wie die Bestätigung einer Annahme. Das der Wert, den er zum Leben brauchte, aus ihm selbst sich nicht erringen ließ. Die Misshandlungen seines Vaters hatten aus ihm das gemacht, womit er nicht länger leben wollte.
Liebe erzeugt Erfüllung und Erfüllung ein sinnhaftes Dasein. Die auf Materie ausgerichtete Existenz bietet für Liebe wenig Raum. Sie ist die Ausnahme. Der Mensch kämpft zeitlebens mit Begrenzung, Zeitweiligkeit und Bedingtheit. Das Leben auf eines Leben zu beschränken, das schon ungerecht anfängt und ungerecht wieder aufhört, verbessert nicht die Aussicht. Dies lässt auch kaum Raum, für die freie Entfaltung jedermanns. Der Suizid ist auch eine Reaktion auf unbefriedigende Antworten und fehlende Entfaltungsmöglichkeiten. Er ist kein Ausweg, noch Abenteuer, noch die Lösung eines scheinbar unlösbaren Problems. Er ist eine Sackgasse, in die man relativ schnell hineingelangt, doch schwerlich wieder hinaus.
Fehlender Selbstwert, Verachtung, Opfergefühl, geringes Selbstbewusstsein, Minderwertigkeit Selbsthass, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Unruhe, Getriebensein, Gefühllosigkeit, Appetitlosigkeit, Haarausfall, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Suizidalität sind Symptome einer depressiven Episode, die sich oft vor dem Freitod in ihrem ganzen Ausmaß zeigen.
In einer Selbstmordatmosphäre werden die Misserfolge, Scham und Schuldgefühle, die Traurigkeit und Verbitterung, die Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit soweit potenziert, das der Tod als einzige Erlösung plausible erscheint. Nicht nur für den Leidenden werden die Halt gebenden Grenzen aufgelöst, sondern auch der Helfende gerät an seine. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist voller Dynamik, voller Kraft und Tücke. Der Bereich außerhalb zieht den unwiderstehlich an, der im Leben keine konstante Position im Sinne einer freudvollen und sinnreichen Lebensart gewonnen hat.
Die innere Qual ist von Außen kaum einzuschätzen, geschweige denn zu ertragen. Und ähnlich wie bei einem Sog zieht es Menschen mit hinein, die sich zu weit hinein getraut haben. Wie bei einer Seuche, besteht die Gefahr einer Ansteckung. Eine Krise, die nicht nur dem Leidenden in die Knie zwingt, sondern jeden der für diese Sinn Hinterfragung reif geworden ist.
Sich töten, sich etwas antun zu wollen, ist ein fremder Mechanismus gegen Selbsterhaltungstrieb. Es ist eher eine Stimmung, die sich verdichtet, bis es scheinbar kein Zurück mehr gibt. Von innen drängt es in diese Richtung und oft hören wir eine Stimme, die es uns dazu befehlt oder einlädt. Der Gedanke vom erlösenden Tod beherrscht in diesen Momenten unser Bewusstsein, wie ein Zwang, von dem wir nicht lassen können, denn er scheint doch vernünftig. Warum sollte ich es noch weiter aushalten müssen und warum sollte der so leidet noch weiter den anderen die Luft zum Atmen stehlen? Das macht doch alles keinen Sinn.
Die Art, wie es dann passieren soll, ist schon des öfteren durchdacht worden und welche Form dann letztlich genommen wird, hat mit dem Motiv zu tun, weshalb man es tun möchte oder muss. Aus Rache nimmt sie eine andere Form an, als aus Botschaft oder aus Verzweiflung oder aus Selbstmitleid oder aus Enttäuschung oder Anklage. Kampflos geschieht es jedoch nicht. Ein Kampf mit sich selbst wird ausgefochten, mit dem Wunsch zu leben, mit dem Selbsterhaltungstrieb, dem Gedanken diese Sünde nicht zu begehen.
Wie es in den letzten Momenten aussieht, bis wann die Entscheidung noch zurückgenommen werden kann, kann wohl niemand genau sagen. Ist dies alles doch sehr individuell. Und doch können wir davon ausgehen, das die Art wie wir gelebt haben eine wesentliche Rolle dabei spielt. Auch ob wir echte Religiosität gelebt haben, jemanden lieben und uns jemand liebt, welche soziale Anbindung wir erreicht haben und wie dicht unser Netz an freundschaftlichen Beziehungen geflochten ist, wird sich dann erweisen wenn es darauf ankommt.
Doch müssen wir auch die Möglichkeit erwähnen, das es einen trifft, weil Geister oder andere unsichtbare Geschöpfe uns dazu gebracht haben. Aus Besessenheit sich zu töten ist nicht die Regel, doch auch grausame Ausnahme die andere Umstände kreiert. Hier handelt man wie unter Wahn. Einem Selbstmörder aus der Familie zu folgen ist mitunter zwingend, vor allem wenn diese Tat die Wahrheit ans Licht bringen soll, die solange verschwiegen wurde. Auch Kinder folgen ihren Eltern mitunter.
Der Selbstmord ist ein schlimmes Vergehen, das uns in der Folge zwar vom Körper und den Umständen trennt, doch nicht vom Problem selbst. Wir werden miterleben müssen, das sich die Umstände für uns noch verschlimmern, weil wir die Möglichkeit einzugreifen verloren haben. Nun in einem fein stofflichen Körper als Geist, sehen wir die Szenerie, die wir Grad verlassen haben. Wir sehen auch wie es weiter mit dem toten Körper geht. Wie die Angehörigen, wie die Freunde oder Feinde reagieren. Wie die Welt sich weiter dreht und das Erwünschte oder die Lösung des Problems sich doch anbahnt. Nur leider ohne uns.
Der Wunsch es wieder rückgängig zu machen wird früher oder später mit Macht auftauchen und mit ihm auch die Erkenntnis von der Endgültigkeit. Die Qual hält geraume Zeit an, denn wir werden auch an Hunger und Durst leiden, an Lust und Verlangen und den anderen Bedürfnissen, die unser Vorleben ausgemacht haben. Bis sich jemand unser erbarmt. Bis wir verstehen, das sich unsere Reue und Sühne bis zu dem Punkt verdichten muss, das sich daraus die Möglichkeit neuen Chance ergibt, werden wir zwischen Himmel und Erde schweben müssen.
Es ist eine Illusion zu glauben, das der Tod uns das geben wird, was wir uns wünschen. Das wir durch ihn zur Ruhe, zu Frieden und zu einem Ausweg kommen könnten. Auch das er uns Macht verleiht, Einfluß haben lässt und unseren Willen durchsetzen hilft. Der Tod ist nur ein Tor zu einem neuen Leben, einem neuen Körper und neuen Umständen, die auf die aufbauen, die wir in diesem Leben erschaffen haben.
Nach dem Tod gibt es kein Ende, keine ewige Ruhe und die Endgültigkeit bezieht nur auf die Tatsache, das dieser Körper zerfallen und nie mehr funktionieren wird. Das Sterben ist also kein Fluchtweg und das Leben so zu beenden, bedeutet nicht viel verstanden zu haben, noch den Sinn des Daseins und seiner Möglichkeiten erfassen zu können. Im Grunde ist es tiefe Verzweiflung und tiefer Atheismus.
Wenn es auch sich mitunter um eine Verzweiflungstat handelt, dem mildere Umstände folgen, hat hier nicht nur der Einzelne sondern das System versagt. In Folge davon werden Menschen diesem Beispiel folgen und ein ähnliche Schicksal erleiden. Die Geschichte kennt genügend Selbstmörder Linien, die sich über Generationen in manchen Familie halten und viele Opfer nach sich ziehen. Und nicht nur ist der Selbstmord eine schreckliche Wirkung der Verzweiflungstat, auch die Angehörigen, Freunde und Bekannte, Arbeitskollegen erleiden ein Trauma.
Selbstmord ist eine Konsequenz, die sich auch aus der familiären Struktur ablesen lässt oder aus ihr stammen kann. Deshalb ist sein Auftreten ein Hinweis oder Anzeichen seiner Prominenz in diesem System, an diesem Ort und zu dieser Zeit. Meist ist er auch nicht die erste Reaktion auf sein Vorhandensein. Die Erschütterung wegen der Selbsttötung wird im Bewusstsein alles ergreifen was sich ihr bietet. Sei es persönliche oder familiäre Bindungen, Grundwerte, Einschätzungen, Lebensauffassungen, Glaubenssätze oder Traditionen. Sie werden geprüft und zerstückelt, weil sie scheinbar zu Nichts taugten. Die Psyche wird in den Betroffenen ein Trauma einrichten und so das Überleben zu sichern versuchen.
In den akuten Momenten ist es sicher schwierig richtig zu handeln, deswegen sollte man sich früh Hilfe holen. Im Leben sollten wir darauf achten, uns nicht zu isolieren, die Sinnfrage versuchen zu beantworten, echte Beziehungen einzugehen, destruktive Tendenzen auch aus der Familie aufzudecken und zu bearbeiten, Freude und Erfüllung zu suchen, Ansprüche und Erwartungen zu prüfen. Ein sinnhaftes, ehrliches und Gott frohes Leben zu führen, wirkt sich immer positiv auf unser Selbstverständnis und Selbstbewusstsein aus.
Um eine Entwicklung hin zum Freitod aufzuhalten oder vorzubeugen, sollte jeder Hinweis auf seine Berechtigung untersucht werden. Es können Verträge abgeschlossen oder mündliche verbindliche Absprache getroffen oder Helfer Konferenzen einberaumt werden. Das sind alles wirksame Mittel. Doch endgültig die Verzweiflungstat ausschließen, können auch sie nicht.
Gott einzubeziehen, Ihn zu integrieren, das heißt für sich selbst und dem Hilfesuchenden um Beistand zu Beten, sein Bewusstsein auf den Höchsten zu richten, Kirchen, Tempeln, Synagogen oder Moscheen regelmäßig zu besuchen, Umgang mit heiligen Menschen zu suchen und seine Nahrung und seine Gewohnheiten nach Gottes Geboten auszurichten, kann dabei helfen diese Krise zu überstehen. Unsere begrenzten Einflussmöglichkeiten und Einsichten sind nicht die Grenzen des Möglichen, darüber existiert eine Person mit unbegrenzter Macht und Kraft. Deshalb sollten wir nicht von uns als den Ausgangspunkt ausgehen, der über den Ausgang einer Sache oder Krise entscheidet. Zumindest sollten wir ein Wunder für möglich halten und uns dafür öffnen, ohne uns von unserem gesunden Verstand zu verabschieden.
Wenn Dir für Dein Leben keinen Sinn und keine Bedeutung einfällt, dann schau danach wo es Dinge oder Menschen gibt die Dich brauchen. Der Wert Deines Dasein ergibt sich aus der Bedeutung, die Du ihm gibst. Bedeutung ergibt sich aus der Notwendigkeit Deiner Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit mit der Du in Erscheinung trittst. Zum Leben wie auch zum Sterben braucht es Mut, das ist wahr. Doch bedenke, dass das Ende Deiner Geschichte solange nicht feststeht, solange Du sie noch beeinflussen kannst. Was Du Dir auch immer darunter vorstellst, ist sicher nur ein Bruchteil dessen was möglich ist.
Fazit: Selbstmord ist ein Thema mit dem sich die Gesellschaft, die Familien und Menschen auseinandersetzen müssen. In einer Zeit in dem der Wert des Lebens und des Menschen gering erscheint und die bestehende Meinung das Leben auf eines begrenzt, sind die Aussichten auf Glück und Erfüllung durch das Streben nach Wohlstand, Unabhängigkeit und Sicherheit ersetzt worden. Leider kostet es viel Zeit und Energie sich seinen Wohlstand und seine ökonomische Sicherheit zu verdienen. Diese fehlt dann meist, um für sich und seine Anvertrauten im ausreichenden Maße zu kümmern und zu sorgen.
Das jemand sein Leben mit einem Freitod beschließt, ist für die Angehörigen meist ein Schock und wirft schnell die Frage nach einem Schuldigen auf. Suizid zeigt die Unfähigkeit mit den gegebenen Umständen, Verhältnissen und Gegebenheiten klar zu kommen. Das betroffene System wie auch die gefährdete Person sollten die Symptome nicht übergehen, noch verharmlosen, noch ignorieren. Der Suizid ist meist das unglückliche Ende eines länger dauernden Prozesses.
Symptome einer depressiven Episode, die auch zum Freitod führen können, sind fehlender Selbstwert, Verachtung, Opfergefühl, geringes Selbstbewusstsein, Minderwertigkeit Selbsthass, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Unruhe, Getriebensein, Gefühllosigkeit, Appetitlosigkeit, Haarausfall, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Suizidalität.
Treten solche Anzeichen vermehrt und über einen längeren Zeitraum ( 2-3 Wochen) auf, sollte professionellen Hilfe gesucht werden. Äußert sich der Betroffene in Richtung Suizid sollte dies immer ernst genommen und die Polizei, die Feuerwehr oder der Krisendienst benachrichtigt werden. Oder man bringt den Betroffenen selbst ins Krankenhaus.
Wenn Du Dich selbst mit einer solchen Krise konfrontiert siehst, warte nicht darauf, das sie von selbst besser oder schlechter wird. Suche im Ernstfall immer nach professionelle Hilfe. Erlöse Dich von dem Anspruch, das allein hinkriegen zu müssen und der Scham, diesen Zustand herbei geführt zu haben. Dein Leben zu schützen ist Dein Recht und Deine Pflicht.
