Vom Unvermögen sich bei Scheitern und Versagen anzunehmen  

Alle Berufsgruppen, die mit Menschen arbeiten, haben ihre liebe Not die aufgeladene Last aus Not, Verzweiflung, Ohnmacht, Hilflosigkeit und Elend zu bewältigen. Und dies schlägt sich in Krankschreibungen, Arbeitsausfällen usw. auf der einen Seite nieder und auf der anderen in Störungen der Gesundheit und des Wohlbefindens bis hin zum Unvermögen so weiterarbeiten zu können. Auch hat sich das als als eine permanente Belastung herausgestellt, die überall dort auftauchen kann, wo man mit Menschen intensiv zu tun hat. Dieses Phänomen zu bewältigen ist Aufgabe all derer, die mit Menschen arbeiten und jener, die für diese Menschen verantwortlich sind. Ein solche Bemühung ist deshalb so anspruchsvoll, weil dem im allgemeinen keine Zeit, kein Geld und keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Den Punkt den ich hier betrachten möchte, ist die Reaktion auf das Scheitern im Überlastungsmoment. Diese Reaktion kann sich dahingehend  äußern, das man sich ablehnt oder bestraft. Mit der Thematisierung der Ablehnungs,- und Bestrafungskultur, möchte ich dazu beitragen, eine höhere Bewusstheit zu inspirieren.

  • Das Scheitern in dem Bemühen die eigenen oder fremde Erwartungen zu erfüllen, führt mitunter zu einem Unvermögen sich in dieser Situation selbst anzunehmen und sich beizustehen. In dem Falle wenn wir mit Dingen konfrontiert werden, die uns überfordern, reagieren wir oft auf unsere Reaktion unangemessen hart und kritisch.
  • Innere Konfliktfelder werden deutlich, durch die wir in einer permanenten Spannung stehen. Die Spannung zwischen Anspruch und Vermögen ist oft Auslöser dieser Spannung. Sie kann sich soweit erhöhen bis wir es oder die Umwelt wahrnehmen müssen. Dabei stehen die Stärke der Spannung nicht immer in einem direkten Zusammenhang mit der konkreten Situation. Oft rührt die Spannung aus einem anderen, meist vergangenen Erfahrungsfeld. Deswegen ist es nicht leicht, sich darin zu verstehen und adäquat darauf zu reagieren.
  • Sich abzulehnen oder zu bestrafen sind Ausdruck von Hilflosigkeit und Unfähigkeit. Die Gründe für solche destruktive Reaktion lassen sich dort finden, wo in einer ähnliche Anforderung ähnliche Reaktionen oder keine Reaktionen kritisch lebt wurden.
  • Die Grenzen des Erträglichen sind feste Konturen innerer Vorstellungen, die sich aus unterschiedlichen Erfahrungen und Informationen gebildet haben. Sie sind Richtlinien an denen wir uns ausrichten, definieren. Mit denen wir die Situationen bewerten und einschätzen. Sie sind sehr wichtig, denn sie schützen uns vor den Dingen, die wir nicht ertragen oder verarbeiten können. Die Sensibilität ist ein feines Abspühren der oft sich rasend verändernden Situationen in den Begegnungen.
  • Nicht zwingend muss eine kritische oder dramatische Basisbegegenheit dem zu Grunde liegen. Nicht persönlich jedenfalls. Auch die Erfahrungen und Erlebnisse andere erhöht wie von selbst die Sensibilität und damit auch die Affinität für solche Begebenheiten. Die Erschütterung des Selbstbildes wird versucht durch Bestrafung oder Ablehnung auszugleichen. Wer solche Belastung nicht aushält muss korrigiert werden. Der Anspruch aber wird nicht auf seine Berechtigung hin untersucht.
  • Bei näherer Untersuchung wird deutlich, das Menschen, die selbst ein großes Vermögen haben sich die unterschiedlichsten Ausformungen menschlicher Schicksale vorzustellen und ein starkes Vermögen tragen diese Dinge in sich zu integrieren, sind nicht so anfällig für eine Ablehnungs,- und Bestrafungskultur. Für jemand aber der ängstlich die Ausdrücke menschlicher Schicksale beobachtet und auch zu sich selbst in einem kritischen Verhältnis steht, sind solche Anlässe Gelegenheit großer Erschütterung.
  • Niemand sollte solche Belastung aushalten müssen und niemand sollte sie aushalten, der sich nicht dafür entschieden hat. Einen Leistungsanspruch ist in solchen Situationen das Letzte was einem helfen kann, zu sich und zurück zu dem Umstand zu bewegen, der vorher maßgeblich war.
  • Die Konfrontation mit schweren Schicksalen ist keine Leistung und wird auch nicht bezahlt, sondern ist ein Risiko für den der dies erlebt. Ihn abzulehnen oder zu strafen, weil er diese Belastung nicht aushält, ist nicht nur kontraproduktiv, sondern eine großer Fehler. Der in seiner Folge denjenigen daran hindert, solches wieder zu erleben. Was bedeutet, das er für dieses Arbeitsfeld oder Einsatz möglicher Weise untauglich wird. Vielleicht geht es manchmal auch darum, jemanden zu erlösen, der es nicht vermag aus eigener Kraft die weitreichende Entscheidung zu fällen aufzuhören. Deswegen diese Situation dafür nutzt, das ein anderer diese Entscheidung letztlich für ihn fällt.
  • Ablehnungs,- und Strafkulturen treten verhäuft dort auf, wo kein rechtes Maß des Anspruchs und der Erwartung gefunden werden kann und das Vermögen des Einzelnen nicht die Basis der Einschätzung ist. Ein vorstellungsbezogenes Konzept versucht sich hier über die natürlichen Bedingungen zu behaupten, meistens auf Kosten der Beteiligten.
  • Sich für eine nicht erbrachte Leistung abzulehnen oder zu strafen kommt aus dem Kontext einer lieblosen und übersteigerten Forderungshaltung. Dem liegt oft ein Überforderungserlebnis oder ein Versagen mit meist kritischen Folgen oder ein Minderwertigkeitsgefühl zu Grunde. In Konsequenz auf ein schweres Versagen tritt eine Distanzierung vom Versager oder eine Vorwegnahme der Strafe auf. Ein Versuch Einfluss auf die aus dem Ruder geratene Situation zu nehmen oder die Reaktion zu kontrollieren.
  • Das Eingeständnis der Schwäche oder des Scheiterns wird verhindert, weil es eben Konsequenzen zu befürchten gibt. Im Zusammenhang mit einem gefährdeten Gegenüber ist das Eingeständnis doppelt schwer. Denn es ist zu befürchten, das nicht nur man selbst, sondern auch der andere in einem hohen Maße enttäuscht sein könnte. Und mit der Schwere der Problematik steigert sich auch automatisch der Anspruch und der Ausschluss legitimen Versagens.
  • Gefährdet ist vor allem die idealisierte Position im Kontext einer dramatischen Situation, die der Helfende einnimmt. Die angestrebte Aufwertung wird durch das Scheitern vereitelt. Man wird wieder das, was man versucht hat aufzuwerten. Kompliziert wird es dort, wo die eigenen Defezide als Ausgangspunkt einer Widmung oder Bemühung nicht erkannt oder verkannt werden. Denn dadurch entsteht eine Dynamik, die sich ausschließlich um das Defezid dreht. Die Situation als auch das Gegenüber wird dann für die Aufwertung missbraucht. Tritt in diesem Fall der Misserfolg in der Vordergrund des Erlebens, wird nicht nur der Erwartung nicht entsprochen, sondern auch eine Gelegenheit sich aufzuwerten erlischt.
  • Die Frequenz aus erschreckenden Schicksalen betrifft beide Parteien, die des Helfenden und des Hilfsbedürftigen, im gleichen Maße. Die Problematik ist dahingehend verteilt, das der eine das Schicksal erlebt und der andere es teilt. Der eine ist konkret daran gebunden, wohin der andere eine Affinität für die Situation und deren Folgen in sich trägt. Aus diesem Basisverständnis wird das Zusammenkommen einer solchen Begegnung oder Begebenheit erst wirklich nachvollziehbar. Beide sind involviert, der eine aktiv und der andere passiv. Beide haben ein Problem damit.
  • Die Versagensängste beziehen sich auf den erfolglosen Umgang mit Dingen, die nicht zu bewältigen sind und doch bewältigt werden müssen. Das eigene Scheitern meint die eigene, nicht erlaubte Hilflosigkeit und Ohnmacht angesichts von Dingen oder Situationen, die es nicht geben darf oder sollte. Und ohne groß darüber zu reflektieren, befindet man sich dann auf der Seite, einer solche Tat gedient oder sie zumindest nicht vereitelt zu haben. Damit entsteht ein innerer Konflikt, der mehr anschwillt je größer ein idealistische Anspruch herrscht.
  • Es ist kein Delikt Schlimme oder schlimmste Dinge nicht ertragen zu können. Wenn man sich aber über das angestrebte Ideal aufwertet und das an das erbrachte Ergebnis koppelt, wird es einem schwer fallen dem Anspruch gerecht zu werden. Damit auch gefährdet sein das Ideal irgendwann zu lassen. Idealisierte Auffassungen werten einen grundsätzlich auf und im positiven Sinne führt es dazu im umfänglichen Maße verantwortungsvoller zu werden. Im destruktiven Fall aber führt die gleiche idealistische Haltung zu einem Stress, der dazu führt oder führen muss zu versagen. Eine allzu schwere Last abzulegen.
  • Der Stress wegen Versagen oder Scheitern basiert auf ein falsch verstandenes Selbstbild. Die scheinbar nötige Korrektur oder Reaktion auf einen Misserfolg bietet die Grundlage für Bestrafung oder Ablehnung, solange die Identifikation über Erfolg oder Misserfolg maßgeblich ist. Einem Anspruch nicht gerecht geworden zu sein, ist diesem Fall ein deutliches Anzeichen von Schwäche, von Unfähigkeit und bedroht das Selbstverständnis eines idealistischen Menschen im Kontext seiner idealisierten Vorstellung.
  • Grundlage eines solchen Erlebens sind Bedürfnisse, die einem zu dieser idealistischen Einstellung gebracht haben und die mit bestimmten Wünschen verknüpfen sind. Jemand also der erlebt, wie er in der Konfrontation mit Dingen an seine Grenzen des Erträglichen gerät und keinen Weg zurück zu sich im gesicherten Verständnis findet, wird diesen Stress abbauen versuchen. Mitunter durch Strafe oder Ablehnung seiner selbst. Die Erwartungen sprechen deutlich von den Absichten die derjenige, der ein hohes Ideal leben möchte, in sich trägt. Die haben meist wenig mit der Situation zu tun. Je größer also die Bedürftigkeit des Helfenden ist, die ihm zu einen Ideal zwingt, desto eher wird er sich für sein Scheitern oder Versagen strafen oder ablehnen.

Fazit

Ein zu hoher Anspruch hilft niemanden Scheitern und Versagen in das Selbstbild positiv integrieren zu können. In Fällen bei dem die Überforderung durch unerträgliche Details vom Schicksals des Gegenübers herrührt, ist es wichtig, die Bewältigungsreaktion nicht zu bewerten, auch wenn sie Scheitern oder Versagen scheinen. Die Not, in die man steckt, wird oft verkannt oder ignoriert. Damit wird der Zugang zum Verständnis für die Reaktion erschwert. Der aber notwendig ist, sich weder abzulehnen, noch zu strafen oder abzuwerten, sondern den Sachverhalt zu klären. Von schlimmen Dingen zu erfahren, führt zu einer erheblichen Erschütterung der Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit. Diese ist ein Fundament der Lebensauffassung.

Die Not, die Scheitern und Versagen im Umgang mit diesen erschreckenden Details provoziert, entsteht aus dem Erschüttern dieses Fundamentes. Für sich in dieser Situation zu sorgen, setzt die Annahme und Respektierung der eigene Person, als jemand der in Not ist, voraus. Um den Sachverhalt zu klären, sollte über die Motivation und dem Anspruch, die einen in diesen Arbeitsfeldern arbeiten lassen, nachgedacht werden. Die eigene Lebensgeschichte näher zu beleuchten lohnt, um die Affinität für das Thema zu verstehen.