Die Trauerrede und das Glück und die Not die richtigen Worte für den Anlass zu finden

trauerrede richtige worte
  1. Gut die Trauerrede schon zu Lebzeiten selbst geschrieben oder zumindest bedacht zu haben. Was von einem am Grab offenbart werden darf oder soll, weiß letztlich nur der den es betrifft. Alle anderen werden ihr liebe Mühe damit haben zwischen Privatem, Halbprivatem, Intimen, Verborgenen, Halböffentlichen, Öffentlichen, Schicklichen und Unschicklichen zu lavieren. Grad bei den Trauerreden wird viel geschminkt, zurechtgemacht, zurecht geschneidert, nicht ganz die Wahrheit gesagt oder sie zu dem verzerrt, was man gern hören möchte und das auch aus gutem Grund, denn der Anlass ist eine Trauerfeier und keine Urteilsverkündung. Für Verurteilung oder Abrechnung werden sich andere Gelegenheiten finden lassen.
  2. Liegt keine Rede vor und ist auch keiner dazu in der Lage, sollte sich die zusammensetzen, die als die Fähigsten eingeschätzt werden. Meist aber werden die damit betraut, die die Organisation für die Trauerfeier übernommen haben. Beerdigungsinstitute haben Trauerreden in ihrem Angebot oder jemanden, der sie anbietet und auch bieten sich eine Vielzahl von freien Sprechern an. Doch dürfen die Angehörigen ihre Mitsprachpflicht dazu nutzen, das die Rede das beinhaltet was sie für richtig und sinnvoll halten und nicht nur dafür das sie schön klingt.
  3. Um die Menschen mit einer Trauerrede zu berühren, braucht es neben Feingefühl und Sach-Kompetenz auch eine ganze Menge guter und stärkender Einsichten in das Leben und den Tod und die Achtung und Akzeptanz für die jeweilige familiäre Stimmung, denn der Inhalt lebt vom Kunststück einer Gratwanderung zwischen Sentimentalität und Wahrheit, und dem achtsamen und sensiblen Umgang mit den spezifischen familiären Ausdruck. Sicher ist der Anlass auf jemanden persönlich bezogen, doch wird in dem Moment die soziale Stellung und Einbettung bedeutsam und alle wollen angesprochen sein. Deshalb ist das, was  von der Trauergemeinde gewünscht wird Maßgabe für die Erarbeitung der Würdigung: schonungslose Wahrheit oder schonende Sentimentalität oder etwas von beidem. Und manchmal braucht es mehrere Redner oder Reden.
  4. Die Aufwertung, die alle Beteiligten sich erhoffen, der Tote miteinbezogen, stammt aus einem natürlichen Bedürfnis nach Wertschätzung für erbrachte Leistung und Treue, für Liebe und Verständnis, Loyalität und Beziehung und steht in keinem wirklichen Verhältnis zur Objektivität. Sondern es meint eher vergeben, verzeihen, achten, bedenken oder würdigen, was sich auf das Leben bezieht, das der Einzelne real meistert oder auch auf das was er sich darunter vorstellt. In diesem Moment großer Gefühle sucht der Einzelne nach dem was er braucht oder sich wünscht, um etwas dem Verlust oder der Angst entgegenhalten zu können. Der Anlass wird oft für mehr genutzt als es den Anschein hat. Dominierende Empfindungen bei Beerdigungen sind Reue, Furcht, Wut, Verzweiflung, Ohnmacht, Trotz, Bedürftigkeit und Hilflosigkeit und gleichzusetzen mit denen eines Ausnahmezustandes.
  5. Die Aufmerksamkeit auf eine Zukunft zu lenken ist der Versuch den Schmerz als das Hauptthema durch ein anderes zu ersetzen. Und das ist, obwohl scheinbar moralisch fragwürdig, eine Aufgabe der Ansprache, denn dies würde Erleichterung schenken, ohne sie sich durch eine intensive Phase des Leidens und der Qual erst verdienen zu müssen. Da die Vergangenheit vergangen und die Zukunft noch nicht ist, bleibt nur die Gegenwart, die man aber wegen dem großen Leid zu meiden sucht. Doch nur in ihr bietet sich die Gelegenheit zu trauern. Deshalb sollte das Vergangene und Zukünftige benutzt werden um Wege zu finden, die in die Gegenwart führen.
  6. Selten möchte jemand in diesen Hallen des Abschieds verweilen, um es sich dort häuslich einzurichten. Auch ruft das Leben allzu bald wieder zur Pflicht oder Wonne und die unangenehme Berührung mit dem Zeitlichen will oft nicht länger ausgehalten werden, als es der Anstand verlangt. Hier zu lange seine Zuhörerschaft an das Schmerzhafte und Unerträgliche durch eine ausgedehnte Rede und schmerzliche Details zu fesseln und die Empfänglichkeit für Abschied und Verlust auszureizen wird ein gegensätzliches Ergebnis nach sich ziehen und das Herz kaum erreichen. Die kurze Bereitschaft sich dem Vergänglichen zu stellen ist für eine tiefere Betrachtung der Thematik nicht tauglich und sollte auch dazu nicht missbraucht werden. Wie es sich im einzelnen verhält daran kann abgelesen werden, wann eine allgemeine Unruhe zu verzeichnen ist, die durch Hüsteln, auf den Stühlen hin und her rücken oder einschlafen sich  andeuten wird.
  7. Dem Bedürfnis des Toten wird man wohl auch dann nicht gerecht, wenn man all dies bedenkt oder ignoriert, denn er steht jetzt noch mehr allein. Und dieser Sache geschuldet sind Themen vorzuziehen, die sowohl den Lebenden als auch den Toten berühren und in ihrer Allgemeingültigkeit jeden betreffen.
  8. Im Moment des Abschieds werden wir unsanft an unsere eigene gezählten Tage erinnert und üben schon mal das Tod sein, in dem wir uns und unserem Leben die Wertschätzung entgegen bringen, die wir hoffen auf der anderen Seite erwarten zu dürfen und die eigenen vergänglichen Erfolge, Vorzüge und Errungenschaften am Ewigen zu messen. Wie empfänglich wir für jede Form von Wertschätzung, Sinngebung und Bedeutsamkeit in dem Moment sind, veranschaulicht plastisch die Unsicherheit gegenüber unserer Position im Verhältnis zum Großen und Ganzen. Wenn einer aus unseren Reihen an die Schwelle tritt, wovon es für ihn in dieser Form keine Wiederkehr gibt, treten auch wir an diese heran und haben eine kurze Berührung mit dem was uns zukünftig erwartet. Diesen Moment sentimental auszuschlachten, ihn mit Kunstrosen zu dekorieren und ihn so für die Ewigkeit zu konservieren, wird dem Anlass nicht nur nicht gerecht, sondern es wird leider eine dieser seltenen Gelegenheiten tiefer Berührung und Erfahrung vertan.
  9. Viel Fingerspitzengefühl braucht es damit es weder zu flach noch plakativ, noch zu tief noch traumatisierend wirkt. Und sicher wird es die Meisten überfordern, wie jedes Ereignis das über einen mit solcher Macht hereinbricht. Und sicher wird man nicht allen gerecht werden können. Eine schöne Stimmung zu erzeugen, die dem Rahmen Würde verleiht und ein gutes Gefühl schenkt, ist bei aller Bedeutsamkeit vorzuziehen, denn auch die Möglichkeit einer Retraumatisierung ist in dem Moment, wo der endgültige Abschied droht, gegeben. Noch schenken die Mitanwesenden und der Ort bis die persönliche Einsamkeit wieder alles andere überschattet Sicherheit. Selbst den Hartgesottenen sollte nicht zugemutet werden, mit einer endgültigen Sache über die persönliche Bereitschaft und das Vermögen hinaus konfrontiert zu werden.
  10. In der Tradition der Beerdigungen wurden solche Feinheiten wenig Beachtung geschenkt, mit dem Ergebnis das kaum noch jemand diesen Akt als etwas Positives, Leichtes, Wünschenswertes oder Progressives zu sehen vermag. Als wenn es eine Straftat wäre nicht mit gestorben zu sein und die persönliche Form zu trauern schon deswegen einem nicht zu gestanden wird. Die Gewinner davon sind all jene, die daran nicht unwesentlich verdienen oder die die ihr eigenes Unvermögen hinter aufgeblasenen und teuren Zeremonien verbergen suchen oder darin eine Ableistung ihrer Schuld verstehen. Die Rede wird durch solche Absichten zum Mittel des destruktiven Einflusses.
  11. Eine Überfrachtung der Rede mit allen möglichen Erwartungen und Ansprüchen garantiert nicht unbedingt das dem Anlass die nötige und gewünschte Würdigung entgegengebracht wird, sondern weißt zu meist auf ein größeres persönliches oder familiäres Problem hin, das mit Hilfe von großen Worten und Gesten überdeckt werden soll. Für den Redner als auch für den der die Rede schreibt muss klar sein, das es solche Ausformungen des menschlichen Gemüts gibt und er sollte versuchen das im Interesse einer erbaulichen Botschaft nicht am Grab zu klären, noch zu korrigieren suchen.
  12. Individuelle Trauerarbeit endet nicht am Grab, sondern beginn meist dort. Die Trauerfeier wie auch die Trauerrede sind gesellschaftliche Anlässe, aus denen der Einzelne etwas für sich ziehen kann, ohne sich vom Kollektiven distanzieren, noch sich in es zu sehr integrieren zu müssen. Eher in ihm eingebettet könnte er/sie zumindest in diesem Moment die Vorzüge von Leidensgenossenschaft erfahren, vorausgesetzt das sich danach ein Bedürfnis einstellt. Doch können, noch sollen diese Gelegenheiten die persönliche Arbeit an Themen, wie Verlust, Abschied, Tod und Angst ersetzen.
  13. Die Trauerrede ist eine Würdigung eines ganzes Lebens, seiner Erfolge und Misserfolge, seiner Tragödien und Triumphe, seines Ringens und Trachtens und seiner einzigartigen Individualität stellvertretend für das Leben aller. Der Redner steht am Pult und erinnert auch an die Wahrheit des Vergänglichen und Bedingten und an die Größe des allumfassenden Ganzen, in dem alles eingebettet bleibt. So wird er seines Amtes gerecht und hat Anteil am Erheben der Aufmerksamkeit auf universelle Gesetzmäßigkeiten und ewige Zeiträume, in denen sich das Leben aller hier wie auch dort abspielt und im Leben wie auch nach dem Tode in Ewigkeit vollzieht. Einen kurzen Augenblick lang bestimmt das Ewige die Situation und hinterlässt bestenfalls Mut, Trost und Gelassenheit. Auch der Redner ist ein Zuhörer. Auch er hört was nun gesagt und gehört werden soll. Das was in den Menschen, die überleben werden und dem der seinen Weg fortsetzt, gereift ist. Zu dem gereift dem das offene Herz nun lauscht. Und es sind nicht die Worte, nicht die Informationen die trösten oder Hoffnung spenden mögen. Es ist das ewige Leben selbst, das den lebendigen Geist mit Labsal speist. Das Erinnern an die eigene unsterbliche Natur lässt den Tod als ein Tor erscheinen, durch den der ewige Wanderer neuen Zielen und neuen Welten zu eilt. Und dem, der einen solchen Horizont nicht mag, dem ist der Tod ein mahnendes Zeichen, das ihn zu einem intensiven Dasein anspornt, auf das er hoffentlich stolz zurückblicken kann. Im Augenblick des Abschieds tritt das Trennende in den Hintergrund und das was allen gemeinsam ist wird ganz natürlich Basis der Bewusstwerdung. Die vergängliche Natur des sichtbaren Körpers und die ewige Substanz der unsichtbaren Seele ist hier Gegenstand der Besinnung. Was bleibt und was vergeht für immer? Durch den Anlass wird einem die Dimension solcher Fragestellung und der dringender Grund ihrer Beantwortung bewusster.
  14. Bei allem Ernsten und Bedeutungsschwangeren ist doch die wohltuende Wirkung von Trauerreden und Trauerfeiern nicht zu vergessen, zu der Menschen im Allgemeinen und im Besonderen befähigt sind. Aufwertendes Zusammengehörigkeitsgefühl, geschwisterliche Bund, solidarisches Mitgefühl, tröstende Nähe, heilsame Vergebung, helfendes Miteinander, achtsame Würde, verbindende Empathie, liebevolle Widmung, stärkender Trost, belebende Würdigung, klärendes Loslassen, anregende Zuversicht, erlösende Akzeptanz sind Geschenke die man aus solchen Gelegenheiten für sich gewinnen kann.
  15. So kann der Erfolg einer Trauerrede daran gemessen werden, in wie weit sich echte Tränen, echte Gefühle und echter Ausdruck zeigen wollten. Jeder ist überfordert ein solches Ergebnis allein zu zaubern. Eher ist das Zusammenspiel vieler Komponenten die das mitbestimmen und doch ist die Liebe die wichtigste Zutat, denn aus ihr erwächst Frieden, Vergeben, Nähe und letztlich Kraft zum Loslassen und zur Trauerbewältigung. Liebe über den Tod und den Körper hinaus. Liebe die den anderen lässt. Liebe als ein Anzeichen höheren Art. Liebe ist der wärmende Wiederschein göttlichem Empfindens für alles und alle.
  16. Der Trauerredner sollte seinen zu hohen Anspruch klären, wie auch seine Bereitschaft eine solche Tätigkeit auszuüben. Seine Position ist mitten im Geschehen, unter den Anwesenden, beim ernsten Anlass und bei denen die seinen Trost und Zuspruch brauchen. Und alles was diesem förderlich ist, sollte er begrüßen und das andere meiden.
  17. Das Rednerpult ist keine Bühne für Selbstdarstellung, noch für die öffentliche Verarbeitung eigener schmerzhafter Erfahrung, noch für sich und seine Lebensanschauung zu missionieren, noch um ein Geschäft mit der Traurigkeit und dem Tod zu machen. Die Würde und Wertschätzung, die dem Trauerredner entgegen gebracht wird, resultiert aus seinem rechtschaffenen Wesen und seiner idealistischen Einstellung, die sich in seinem Verhalten, in seinen Worten und in seiner Lebensweise spiegelt und ist die Grundlage für die Glaubwürdigung die ihm, seinem Berufsstand und dem was er zu sagen hat entgegengebracht wird.
  18. Die Auswahl für einen bestimmten Trauerredner, sollte unter der Maßgabe der subjektiven Entscheidung geschehen und nicht wegen objektiven Gesichtspunkten, wie Berühmtheit oder rhetorischer Fähigkeit. Wer passt ist der, der mitschwingen vermag. Und um das raus zu finden braucht es Zeit und Ruhe, was sich später als gelungenes Arrangieren auszahlen wird. Wenn sich kein professioneller Trauerredner finden lässt, dann sollte es der machen der als eine Autorität in der Familie gilt. Generell ist dazu raten jemanden zu beauftragen, der nicht direkt betroffen ist oder zumindest für den Moment der Trauerfeier eine Distanz zum Trauerfall aufbauen und halten kann. Die einfachste Lösung ist oft die Beste, wenn man in sich die Bereitschaft entwickelt hat das Beste aus der Situation zu machen.