Um dem dunklen Schatten zu entkommen, der sich wie eine bleierne Decke über unser Bewusstsein stülpt und nicht nur die Klarheit der Gedanken, sondern auch die Gefühle färbt, braucht es vor allem Zeit und die eigene gute Absicht in der Trauerbewältigung. Was sich im Inneren vollzieht und schließlich sichtbar werden wird, ist eine veränderte Sicht auf die Dinge und auf sich selbst. Der Übergang ist deswegen kritisch, weil der Verlust am Anfang alles andere verdrängt und das Ringen um Verständnis erschwert.
- Geduld ist ein wirksames Mittel angesichts der Neuordnung, die oft mit Leid und Unsicherheit einhergeht.
- Entschleunigen ist ein schützendes Mittel angesichts der notwendigen Behutsamkeit, denn allzu schnell zerreißen wir zwischen Anspruch und Vermögen.
- Ernster zu sein, im Sinne tiefer Gedanken und reifer Gefühle, ist ein öffnendes Mittel, denn die Oberflächlichkeit des Alltags treibt uns in die Enge des Kompensierens und der Pflichterfüllung, weit fort von der universalen Realität. Die Haltung die die Trauerbewältigung fördert ist eine nüchterne. Und Nüchternheit lässt sich am leichtesten erreichen, wenn wir uns vegetarisch ernähren, auf Alkohol, stimulierenden Substanzen, Nachrichten und Rauschmittel verzichten und dafür Dinge und Menschen finden, die uns Kraft und Hoffnung spenden. Durch eine tugendhafte Lebensweise erstarken die bewusstseinsfördernden Kräfte, harmonisieren sich die inneren Gegensätze, beruhigt sich der Geist und richtet sich die Aufmerksamkeit auf progressive Einflüsse und woraus Vertrauen entsteht. Um nicht im Meer der Tränen zu ertrinken, brauchen wir einen geklärter Geist, der nicht durch Angst gestört wird. Schmerzhaft ist die Loslösung, schmerzhaft die Wahrnehmung, schmerzhaft die Überwindung der Gewohnheit. Das Erleben des Schmerzes wird noch schmerzhafter, wenn der Schmerz keinen zeitlichen Rahmen findet. Für Gefühle gibt es keine Zeit. Sie werden grenzenlos, wenn sie niemand eindämmt oder mit konkreter Realität verknüpft. Das Bewusstsein vom Tod, von Abschied, von Schmerz, von Endgültigkeit erzeugt einen Spannungsbogen der sich, wenn wir ihn zulassen, allmählich und natürlich abschwächt, bis er sich in unser Leben und Fühlen integrieren lässt. Die Identifikation mit dem Körper wird in dem Augenblick des Scheidens schmerzhaft erlebt. Die fehlende Bewusstheit über die ewige Seelennatur ist Basis der Angst und des Leidens. Alles was uns ablenkt, was uns betäubt, beim Verdrängen und Überspielen hilft, verlängert nur die Zeitspanne des Leidens. Ähnlich wie im Entzug geht es darum, die Sucht nach dem anderen und dem Gewohnten zu transformieren. Deshalb ist es hilfreich, all das an zunehmen, was den Prozess der Trauerbewältigung progressiv stimuliert und unterstützt.
- Das Foto des/der Toten, das wir für die Zeit der Trauerbewältigung an einen würdigen Ort in unserem Heim aufstellen und mit dem wir in dieser Zeit über kommunizieren, kann uns behilflich sein, uns sanft an die neue Situation zu gewöhnen und gleichzeitig den Abschiedsprozess bewusst zu erleben. Eine Kerze und andere Aufmerksamkeiten wie Blumen, Räucherstäbchen könnten vor das Foto gestellt werden. Es geht darum, den Fortgegangenen für den Moment in das Leben der Hinterbliebenen zu integrieren. Mit ihm gemeinsam die Wochen der Trauerbewältigung zu verbringen, ihn am Alltagsleben teilhaben zulassen und damit auch die Gelegenheit zu nutzen, die Trauerform selbst zu gestalten, dem anderen und uns langsam das Gefühl zu geben, dass es auch ohne ihn/sie weitergehen kann. Das Foto sollte den Verstorbenen/die Verstorbene in einer Weise darstellen, die wir gern in unser Inneres aufnehmen und für die verbleibende Zeit mit uns tragen möchten.
- Ein Abschiedsbrief sollte in der Zeit der Trauerbewältigung geschrieben werden und all das enthalten, was uns auf dem Herzen liegt. Er sollte ehrlich und ehrlich gemeint sein und die Dinge aussprechen, die wir sonst zurückhalten würden. Auf diesen Seiten findet sich Platz für Schmerz, Klärung, Klage, Vorwurf und Vergebung. Durch das Schreiben treten wir zu der Situation in Distanz, das hilft uns in diesem Prozess der Trauerbewältigung sachlicher zu werden. Schwarz auf weiß können wir dann lesen, was wir für uns wichtig und richtig halten und können so eine Klarheit gewinnen, die uns in der emotionalen Verarbeitung hilft. Dafür sollten wir uns Zeit nehmen und uns behutsam, vorsichtig dem Umstand annähern, unser Herz zu erleichtern. All das, was wir nicht sagen konnten, wofür weder Zeit noch Gelegenheit war und doch darauf drängt ausgesprochen zu werden, sollte mit der Hand geschrieben werden. Am Ende der Trauerzeit könnte der Brief zusammen mit dem Foto verbrannt und die Asche in einen Fluss oder in den Wind gegeben werden.
- Der tote Körper ist von großer Bedeutung, denn er ist das einzige Beweismittel für den Tod. Deshalb ist es anzuraten, den Körper anzuschauen, zu berühren, Totenwache zu halten, ihn aufzubahren. Grundsätzlich sollte er verbrannt werden, damit sowohl wir, die Hinterbliebenen und der Tote selbst, gezwungen sind, diese Hülle als unbrauchbar für das Leben anzusehen und sich von ihm zu lösen. Es ist nicht leicht, den Menschen für Tod zu erklären oder zu halten, wenn es noch die geringste Unklarheit darüber gibt, ob der Tod wirklich eingetreten ist oder nicht. Nicht nur Kinder halten an dem Glauben fest, das der Mensch noch leben könnte, solange der untrügliche Beweis der Zerstörung durch Verbrennung nicht angewandt wurde. Auch der Tote selbst muss nicht zwingend zu der Erkenntnis gekommen zu sein, das er nun tatsächlich tot ist und seinen Körper aufgeben musste, deshalb wird dies durch die Verbrennung zu einer unumstößlichen Tatsache. Endgültig hat das Leben, die Seele diesen Körper verlassen und der Körper wird sich in seine Bestandteile auflösen. Das, was wir betrauern, ist längst fort. Um uns und ihm zu helfen weiterzuleben, weiterzugehen, sollte das Vertraute und jetzt Nutzlose den Flammen übergeben werden. Mit dem brennenden Körper verbrennt nicht nur unsere Ungewissheit bezüglich des Ablebens der geliebten Person, sondern auch die Möglichkeit die Endgültigkeit zu verdrängen. Die Asche wird in Indien oft in den heiligen Ganges oder anderen heiligen Flüssen gegeben.
- Im Gespräch mit dem Verstorbenen, wenn auch es einseitig erscheint, können wir unseren Verlust und unsere Trauer mitteilen und unsere Sorge darüber, ob es den anderen gut geht. Nur weil wir ihn nicht mit unseren Augen sehen können, heißt es nicht, dass er nicht da ist. Der Verstorbene hat mitunter die Absicht, sich noch einmal zu zeigen, so nutzt er z.Bsp. Träume, um Kontakt aufzunehmen. In dramatischen Fällen, wenn es die Hinterbliebenen besonders schwer haben oder Schuld die Menschen aneinander bindet, kommt die Seele nicht fort und versucht noch geraume Zeit, auf das Geschehen und das Weiterleben ihrer Angehörigen Einfluß zu nehmen. Eine intensive Auseinandersetzung mit der vergangenen Beziehung sowie die Praxis von Vergebung und Verzeihen sollte angestrebt werden, um den statischen Moment des Verlustes in einen dynamischen zu wandeln. Sowohl für uns als auch für den Verstorbenen besteht zu diesem Zeitpunkt das größte Problem darin, nicht weiterzukommen, stecken zu bleiben oder zu versteinern. Das Leben wird auf Dauer keine Rücksicht darauf nehmen und uns irgendwann zum hilfreichen Loslassen zwingen, denn es ist immer in Bewegung hier in Richtung Entwicklung und dort zu neuen Bedingungen. Es geht also darum, für sich zu sprechen und sich und den anderen an die Themen liebevoll und ehrlich heranzuführen, um die nächsten Schritte zu ermöglichen. Im Sinne einer klärenden Annäherung ist das Gespräch zu verstehen. Trost spenden und suchen, Beistand geben als auch nehmen und die Endgültigkeit thematisieren, den Verlust ausdrücken und das Gespräch bis zu dem Punkt zuführen, wo alles gesagt ist. Dann wird es still. Nun sind wir, im Idealfall, zufrieden und dankbar für die Gelegenheit uns mit der Vergangenheit auseinandergesetzt, Tränen vergossen haben zu können und diese Phase unseres Lebens mit Dankbarkeit und Achtsamkeit in unsere Erinnerung aufnehmen zu können.
- Das Gebet für den, der uns verlassen hat und für uns, die verlassen wurden, ist von großem Nutzen, bezieht es doch Gott in das Geschehen mit ein und ermöglicht das Beste aus dem Umstand der Verzweiflung und Not zu machen, in dem wir sowohl für uns als auch für den anderen Segen erbitten. Einsichten als auch Gewissheiten über das Nichtsichtbahre und Transzendentale zu gewinnen, stellt sowohl für uns als auch für den Verstorbenen einen großen Gewinn dar. Die Angst ist eine Hürde für die Erkenntnis, als auch für die Loslösung und den Versuch, die Endgültigkeit harmonisch in die eigene Auffassung vom Leben zu integrieren. Um sie zu entmachten, braucht es den Segen Gottes. Die Ungewissheit bezüglich unserer eigenen Zukunft als auch der des Verstorbenen kann nur durch die Einflussnahme Gottes verschwinden. Vertrauen in das Kommende zu entwickeln und der Einsamkeit zu begegnen, die aus dem Verlust entstehen könnte, ist das Gebet, das Zwiegespräch mit Gott eine wunderbare Hilfe bei der Trauerbewältigung.
